14 – Prophylaxe

14 – Prophylaxe


Die nächste halbe Stunde würde Marlin alle Hände voll zu tun haben und wenn xies nachdacht hätte, wäre xies vielleicht auf die Idee gekommen, dass Ariana so versuchte xies davon abzuhalten, zu sehr über das, was geschehen war, nachzudenken. Der Zusammenbruch würde kommen. Dann, wenn Marlin endgültig realisierte, dass die nächste Angehörige tot war. Wirklich tot. Dass xies nicht nur für den Moment die dringend nötige Distanz zu einem nicht sehr hilfreichen oder gesunden Elternteil gefunden hatte, sondern, dass nun die Möglichkeit zu ihr zurückzugehen, oder sich zu ihren Lebzeiten vielleicht aktiv gegen einen weiteren Kontakt zu entscheiden, nicht mehr gegeben war. Und mehr noch, wenn Marlin realisierte, was es bedeutete, wahrscheinlich die Hauptverdächtige zu sein.

Nach dem EIndruck, den Ariana von Marlins Mutter gewonnen hatte, konnte sie sich ungefähr vorstellen, wie die Aussagen der Nachbarn klingen würden. Aus ihrer Zeit im Heim kannte sie genug destruktive Familien und wie diese aussahen. Vor allem auch jene, die nach außen wie eine heile Welt wirkten aber alles andere als heil waren.

Wahrscheinlich waren alle Nachbarn davon überzeugt, was für eine liebevolle und hingebungsvolle Mutter Marlin gehabt hatte. Und das sie man sie wohl als Frau wahrgenommen hatte, die ihr Bestes tat, deren Kind aber dennoch einfach nicht richtig geraten war. Das man sie als Opfer der Umstände wahrgenommen hatte und Marlin als irgendwie missraten. Weil sie es so dargestellt hatte.

All das erzählte Ariana Marlin aber gerade nicht. Statt dessen, ließ sie sich dabei helfen, das Häuschen wieder in den fahrbereiten Zustand zu versetzen. So lernte Marlin, mit einer Checkliste in der Hand, was alles weggeräumt, was eingewickelt und was festgezurrt werden musste. Oder was demontiert, wie Arianas Ballettstange, die von der Außenwand entfernt werden musste, dann flach auf den Boden des Mittelgangs gelegt und dort mit Duckttape fixiert wurde.

Nachdem dann auch der Pickup vor das Häuschen gespannt und alle Verbindungskabel angeschlossen waren,  stand Ariana einen Moment nachdenklich vor dem Gefährt. Marlin konnte sehen, wie sie den Armreif am rechten Handgelenk und das Armband mit den Charms am linken Handgelenk zurechtschüttelte und beide in ihr Blickfeld hob. Über die Armreifen hinweg, blickte sie auf den weißen Pick-Up-Truck.

Dann, noch während Marlin sich fragte, was die Magierin vorhatte, lieft wie in einer Welle eine Art Bewegung über den Lack des Fahrzeugs und wo dieser vorher makellos weiß gestrahlt hatte, hinterließ die Welle nun ein leuchtendes, auf weite Entfernung hin strahlendes: Pink. Marlin starrte das Fahrzeug an, dann Ariana, die ihre Hände senkte, das Werk zufrieden ansah und dann nickte.

„Was?“

„Och. Ich habe nur die Pigmente des Lacks dahingehend verändert, dass sie nicht das gesamte Farbspektrum reflektieren, sondern nur Pink.“

„Aber warum Pink?“ Marlin stammelte. „Und so ein knalliges. Damit fallen wir doch auf, wie eine ganze Jungesellinnenparty auf Rädern!“

Ariana nickte. „Exakt. Und das ist Absicht.“

„Was?“ Marlin konnte wieder nur starren.

Ariana blickte zu xies. „Es ist etwas Pokern, ja. Aber meines Erachtens nach, ist die Technokratie im Moment nicht so sehr unser Problem. Sie wollen Dich haben, weil sie jedes Magiers habhaft werden wollen, bevor er den Weg zu den Traditionen findet, ja, aber – bitte entschuldige – ich glaube, du bist auch ’nur‘ ein normaler Magier. Nicht per se einzigartig. Das soll keine Beleidigung sein, sondern sollte dich eher beruhigen. Das bedeutet, dass sie dich nicht mit massiven Ressourcen suchen werden. Und das bedeutet, sie werden wahrscheinlich nur über die weltlichen Kanäle herausgeben, dass man dich …“ sie schluckte ‚im Zusammenhang mit dem Tod deiner Mutter‘ herunter – „… dich befragen will.

Das wiederum bedeutet, dass wir viel eher darauf achten müssen, dass wir nicht von normaler Polizei angehalten werden. Und auch wenn sie durchaus ‚auffällige‘ Fahrzeuge rausziehen, sind sie doch meist auch sehr selektiv, welche Art Fahrzeug sie auffällig finden.  Wir fahren aber keinen klapprigen Bus mit einem großen, aufgemalten Joint und wir tragen keine Rastazöpfe. Wir sind zwei junge, weiße Menschen. Das ist ein teures Auto. Mit dem Haus hintendran irritieren wir etwas. Aber in Zusammenhang mit der Autofarbe, die nun wirklich schreit, dass wir auffallen _wollen_, ist es auch ein wirksamer Schutz.

So sehen ich wie eine exzentrische Person mit _Geld_ aus. Wie Entrepreneurs. Nicht wie eine abgerissene Magierin, mit einer minderjährigen Begleitung.
Polizisten werden automatisch davon ausgehen, dass jemand, der Öffentlichkeit meiden will, sich bedeckt und unauffällig verhält. In einem staubgrauen Sedan wären wir verdächtiger, als in einem Nagellackunfall auf Rädern.

Es ist simple Psychologie.“

Marlin, nickte langsam. „Wenn du meinst …“

Ariana lächelte, aber es war nur ein halbes Lächeln. „Im Weglaufen habe ich inzwischen etwas Erfahrung. Komm, steig ein.“

Nach Ariana kletterte auch Marlin in das Gefährt.

Xies sah zu, wie Ariana  Zyx in die Grasschale, die auf der Mittelkonsole angebracht war, setzen wollte und dann mit einem Blick auf die Grasnatter seufzte. „Heizplatte. Ich verstehe schon.“ Mit wenigen Griffen hatte sie die Grasschale gegen eine Heizplatte ausgetauscht, auf der sich Zyx zusammenrollte und anscheinend direkt eindöste.

Marlin blickte mit etwas Neid auf die Grasnatter. Schlafen, das würde xies auch gerade gerne tun. Abschalten. Nicht nachdenken, was seit gestern Abend geschehen war. Wie sich innerhalb von nicht mal 24 Stunden alles, wirklich alles in ihrem Leben verändert hatte. Köperlich war xies ausgeschlafen und xies war sich recht sicher, jetzt auch nicht einschlafen zu können, selbst wenn xies absolut übermüdet gewesen wäre. 

Ariana hatte, das fiel Marlin erst jetzt wirklich auf, als sie Zyx absetzte, tatsächlich auch ihre Nägel gemacht, so dass sie zum Gefährt passten und die Haare hatte sie zu einem stylischen „messy bun“ aufgesteckt. Teuer aussehende Ohrringe und eine exzentrische Bluse, auf die die Abbildungen mehrere berühmter Autorinnen aufgedruckt war, komplettierten das Bild.

Bevor sie das Auto anließ, reichte sie allerdings Marlin noch eine Sonnenbrille. „Vielleicht bin ich übermässig paranoid … halt, vergiss das ‚vielleicht‘. Ich bin übermässig paranoid, aber ich hatte auch allen Grund dazu, es zu werden. Diese Sonnenbrille wird verhindern, dass dich automatisierte Gesichtserkennungssysteme wiedererkennen. Oder korrekt zuordnen. Lass uns lieber auf Nummer Sicher gehen, solange wir nicht absolut sicher sind, dass sie dich nur aus den normalen Gründen haben wollen.“

Marlin schluckte leicht, nickte dann aber und setzte die Sonnebrille nur zu gerne auf.

Ariana startete den Wagen und steuerte das Gespann geübt zwischen den Bäumen durch auf die unbefestigte Straße,  die fast ausschließlich mit vierrädrigen Fahrzeugen befahren wurde. Anscheinend hatte sie das Haus nicht zum ersten Mal in ein Gebiet mitten in einem Wald gezogen. Aber Marlin wollte, solange die Bäume ihnen so bedenklich nahe kamen und Zweige auch immer wieder hörbar über die Wände des Häuschens hinter ihnen kratzten, nicht mit einem Gespräch ablenken. Eine knappe Stunde schwiegen sie, während Ariana sie aus dem Gebiet herausbrachte, bis sie dann endlich einen Highway erreichten und Ariana den Weg nach Südosten einschlugen.


Diesen Beitrag teilen

Kommentar verfassen