03 – Odyssee II

03 – Odyssee II


Eine Dreiviertelstunde später erreichte der Ford Heavy Duty Pick-Up endlich die gewünschte Anhöhe. Geröll und Kies knirschte unter den Reifen und verlängerte den Bremsweg um ein paar Meter. Dann verstummten die Motorengeräusche, als Ariana die Zündung abschaltete und den Schlüssel abzog.

Kurz strichen ihre Finger über den grünen Körper der Grasnatter um ihren Hals. „Willst du nicht lieber hier bleiben? Ich weiss nicht, was mich erwartet.“

Was sie zur Antwort bekam, war ein kurzes Zusammenziehen des Schlangenkörpers. 

Sie seufzte. Natürlich nicht. Zyx hatte ihren eigenen Kopf und der war so dick, wie ihr Mut groß und ihr Körper klein und leicht zu vernichten war.  „Dann lass uns gehen.“ 

Sie glitt vom Fahrersitz auf den Kiesboden draussen und blieb noch einen Moment stehen, um nacheinander ihre Stiefel zuzuschnüren.

Ihr „Frischmachen“ hatte darin bestanden, sich aus ihrem Häuschen ein feuchtes Handtuch und Wechselwäsche mitzunehmen und sich dann unterwegs mit dem Handtuch abzureiben und aus ihrer Tanzkleidung in Alltagskleidung zu schlüpfen, wenn sie gerade für einen Moment alleine auf dem Highway war und weit und breit niemand, der sich darüber beschweren konnte, dass sie keine Hand am Lenkrad hatte – und ihr Truck dennoch geradeaus fuhr. 

Keine Schläfer, keine Paradox. Die Faustregel galt zwar nicht immer, aber doch oft genug. Und vor allem keine Polizei, die ihr ein Ticket aufdrücken, und so ihre blütenweißes Fahrer-Register beflecken konnte, nur weil sie ihre Beine mit den Füßen auf dem Armaturenbrett in eine Strumpfhose einfädelte. 


Mit fertig geschnürten Stiefeln wanderte sie halb um ihren Truck herum und öffnete dort die Tür in der Abdeckhaube der Ladefläche. Mit einem Griff ins Dunkel hatte sie den Rucksack mit dem kleinen Einsatzgepäck gefunden und vorsichtig, um nicht Zyx bei dem Mannöver zu verletzen, schwang sie ihn sich auf den Rücken. 

„Bereit, Kleine?“ Ein leichtes Klopfen der Schwanzspitze auf ihr Schlüsselbein antwortete ihr. „Na, dann machen wir uns auf den Weg.“ 

Im Dunklen über den gerölligen Boden wandern, war tückisch und Ariana war dankbar für das Training der letzten Monate, das ihr sowohl einen sichereren Tritt als auch mehr Gleichgewicht gegeben hatte. Ohne Unfälle kam sie auf dem Felsen an, der ihr den besten Überblick über einen Großteil der Umgebung gab. Über Waldfleckchen, Felder, Flüsse, Ansiedlungen und, wie ihr die starken Scheinwerfer auch auf Entfernung verrieten, Industrieanlagen. 

Sie verzog kurz das Gesicht und atmete durch. Seit sie sich so oft in der Gesellschaft von Garou herumtrieb, kam ihr jede dieser Anlagen wie eine Wunde in der Welt vor. Und dabei spürte sie noch nicht einmal das Verderben, das von vielen dieser Anlagen ausging so deutlich, wie ihre Verbündeten. 

Sie ließ den Rucksack auf den Felsen gleiten, während sie den Blick schweifen ließ. Es war dringend, das hatte das kurze Telefonat mit der Leiterin ihres Chantries klar gemacht. Was ging hier also vor sich, wo genau und wie konnte sie es herausfinden?

Normalerweise war sie nicht so sehr um Ideen verlegen. Meistens musste man ihr nur ein Problem vorwerfen, zurücktreten und ein paar Minuten warten und ihre Ideen begannen zu sprudeln. Aber seit die Menschen, nun gut … Wesen …, in ihrem engsten Umfeld spurlos verschwunden waren, tat sie sich manchmal schwer. Schwer, überhaupt aus dem Bett zu kommen. Dabei war sie nicht einmal der Typ für Depressionen. Aber man musste wohl nur genug verlieren, hoffnungslos genug sein, um einen gewissen Geschmack davon zu bekommen. 

Aber, wie verdammt sollte sie nun das übersinnliche Wesen finden, das dabei war zu erwachen, wenn sie nicht einmal genau wusste, nach was sie suchte? 

Sie konnte ihr Magiegespür ausdehnen, natürlich. Aber dann konnte sie sich auch gleich beide Augen ausstechen, denn wer wusste, was hier in der Gegend an Übersinnlichem zu findnen war. Gerade in Nähe der Anlagen. Und was an Übersinnlichem sie hier genau lieber nicht anrühren und auf sie aufmerksam machen wollte. 

Sie konnte nach Aufgewühltsein spüren, nach Ärger, nach Wut, nach Bedrängnis. Aber abgesehen davon, dass sie ohne ihre Familie, ihr Rudel, auch ihre Verbindung zum gemeinsamen Totem verloren hatte und ihre Empathie daher nicht mehr so geschärft war, wie vorher, hatte sie auch nicht wirklich großen Bedarf daran auf jede Form der Gewalt oder vor allem häuslichen Gewalt in diesem Gebiet zu stossen und dann alleine doch nichts tun zu können, weil es sogar ihre Kapazität und vor allem Zeit überstieg, für alle Fälle die Polizei zu informieren. 

Also doch gezielter durchgehen? 

Immerhin, sie musste im Prinzip nicht gleichzeitig nach allen Formen suchen. Vielleicht begann sie mit den magisch begabten Übersinnlichen. Wenn ein Magier erwachte, dann musste der Avatar ja schon aktiv sein, damit der Prozess des Erwachens stattfinden konnte. Sie würde also nach einem weiteren aktiven Avatar spüren. Neben ihrem eigenen. 

Die folgenden Handgriff sassen auch im Schlaf. 

Sie breitete die LED-Lichtschnur in einem Kreis um sich herum aus, stellte den kleinen Sternenhimmelgenerator auf, mit dem schuldigen Bewusstsein, dass sie immer noch kein Licht selbst erschaffen konnte und sie hing ihre Foki in die Äste des kleinen Schmuckbäumchens aus Draht. 

Es war nur ihr kleines Ritualgepäck, daher flammten gleichzeitig mit der LED-Schnur vier handtellergroße Displays auf, als sie eine Mini-Tastatur auf ihren Schoß zog. „Player One – Ariana“ blinkte dort in 8-bit-Grafik auf. Dann „Inviting Player Two – North. Inviting Player Three – East …“ 

Nach und nach lud sie die Himmelsrichtungen ein, die Elemente, zum Schluß auch ihre persönliche Verbündete: Eule. Dann bestieg ihr Pixel-Ich eine kleine Pixel-Untertasse, die sich von dem Felsplatteau erhob und über die umliegende Landschaft zischte. 

Auf der Suche nach einem erwachenden Magier in Not. 


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