11 – Skepsis

11 – Skepsis


Marlin brauchte eine Weile, sich von dem Anblick loszureissen und zu Ariana aufzusehen. Der Unterton war, trotz des Bildes vor ihr, aber weiterhin etwas distanziert. Nicht unfreundlich, aber Ariana konnte ihm ein gesundes Maß an Skepsis entnehmen. Skepsis, die sie auch zu Beginn durchaus empfunden hatte.

Skepsis, die durchaus normal war, wenn man gerade erlebt hatte, wie ein merkwürdiges Raumschiff durch das Dach eines Museums gebrochen war, … Men … nein, Wesen, in noch merkwürdigeren Raumanzügen  herausgestiegen waren und  alle, die den Zusammenbruch der Decke überlebt hatten, töteten. Wenn man dort gelegen und sich totgestellt hatte, nur um dann Stunden später aus dem zerstörten Gebäude zu wanken und von zwei Magierinnen abgefangen zu werden, bevor man sich bei der Polizei und den Rettungskräften um Kopf und Kragen reden konnte. Im Vergleich dazu, war Marlins Erwachen sanft gewesen, aber dennoch sehr verständlich mehr als verwirrend.

Vielleicht war das Neue sogar besser zu verstehen, wenn man ein extremes, außerweltliches Erlebnis hinter sich hatte, als wenn man nur eines Abends nach Hause kam und die Wut auf die eigene Mutter kaum noch unter Kontrolle halten konnte.

Ariana erwiderte Marlins suchenden, prüfenden Blick. „Meine Chantry-Leiterin hat bereits bei deiner Schule angerufen. Für die nächsten paar Tage ist deine Abwesenheit erklärt und akzeptiert. Danach müssen wir weitersehen.“

Marlin nickte langsam. „Chantry?“

„So nennen wir einen Ort, an dem eine Gruppe Magier zusammenlebt und oft auch zusammen arbeitet.“

Marlins Blick schweifte tiefer, den Gang entlang in das Tiny House hinein. So lang, oder eher kurz, wie der Gang eines Tiny Houses eben war. Aber die Frage stand unausgesprochen in den Zügen geschrieben.

Ariana schmunzelte. „Du meinst, ob das hier das Chantry ist oder warum ich von einem Chantry rede, wenn ich doch in einem Tiny House lebe?“ Das Schmunzeln verschwand aus ihrem Gesicht. „Ich gehöre zu einem Chantry an der Westküste. Bei Seattle. Das ist quasi meine Heimatbasis. Das Hauptquartier. Früher war ich mit einer Gruppe unterwegs, die … aus bestimmten Gründen … mobil sein musste. Daher hatte ich mir ein Tiny House angeschafft. Eigentlich … bräuchte ich es inzwischen nicht mehr. Aber …“ sie zuckte mit den Schultern „… jetzt habe ich es und es ist durchaus hilfreich manchmal, einen mobilen Stützpunkt zu haben. Ich bin dabei eine Art Netzwerk aufzubauen. Damit Übersinnliche besser zusammenarbeiten. Dabei ist es gut, den Leuten entgegen zu kommen. Sie auf ihrem vertrauten Gebiet zu treffen, wenn man sie versucht dazu zu bewegen, eine bisher nicht dagewesene Alianz einzugehen. Aber …“ Sie hob erneut leicht die Schultern. „Das interessiert dich sicherlich noch nicht. Nach dem Erwachen hatte ich auch ganz andere Fragen.“

Ein kurzes Tippen an ihrem Handgelenk brachte Ariana dazu, nach unten zu sehen. Zyx sah zu ihr auf. Ihr Tellerchen war leer – abgesehen von den verschmähten Mehlwürmern – und die Tasse auch. Ariana goß ihr, ohne einen Kommentar, einen frischen Schluck Kaffee nach und kam Zyx Aufforderung nach einem Stück Obst und einem Stück Croissant nach.

Marlin starrte das Vorgehen erneut an, während xies anscheinend versuchte die Gedanken zu sortieren und Fragen zu formulieren. Dann deutete xies auf Zyx. „Und das ist jetzt immer so? Was gibt es noch? Trolle? Werwölfe? Vampire? Aliens?“

Ariana nickte, vielleicht zu Marlins Erstaunen. „Ja, Trolle gibt es. Sie gehören zu der Art Übersinnliche, die wir Changelings nennen. Feen in Menschenkörpern. Werwölfe gibt es. Wir nennen sie Garou. Nur, sie wandeln sich nicht nur bei Vollmond. Vampire gibt es auch, aber sie saugen normalerweise niemanden vollständig aus. Das wäre auf die Dauer doch ziemlich auffällig.“

Marlin schluckte.

„Aliens …“ Ariana wiegte den Kopf. „Kommt drauf an, was man genau darunter versteht. Wesenheiten aus einer anderen Galaxis … ich bin noch keinen begegnet, ehrlichgesagt. Aber ich würde es nicht abstreiten. Ich habe inzwischen zu viel gesehen, das ‚unmöglich‘ ist, um wirklich viel für unmöglich halten zu können.“

„Und was passiert jetzt?“ Die Stimme Marlins klang nun irgendwie … klein.

„Das hängt davon ab. Ich kann dich zu nichts zwingen. Wenn du zurückgehen willst und wieder normal zur Schule gehen willst … das ist deine Entscheidung. Aber du hast die Autos gestern gesehen. Diese Leute werden wiederkommen.“ Sie atmete durch. „Ich will dir keine Angst machen und wenn ich dir mehr davon, von ihnen, erzähle, wird es so klingen, als wolle ich dir Angst machen, um dich zu ‚uns‘ zu holen. Dich für ‚uns‘ zu gewinnen. Ich will nicht, dass du einen falschen Eindruck bekommst.“

„Vielleicht … fängst du von vorne an? Wer is ‚uns‘?“

„Uns. Damit meine ich die Traditionen. Es gibt neun Magiertraditionen, die gemeinsam in einem Rat sitzen und quasi die Geschicke der Magier lenken. Jede Tradition hat ihre eigenen Ansichten wie Magie funktioniert oder warum, wie man den Nachwuchs ausbildet, wie man mit der Welt um sich herum und anderen Übersinnlichen interagiert. Und dann gibt es noch die Technokratie. Die „Suits“ wie wir sie nennen.

Sie sind der Ansicht, dass die Menschen nichts von Magie oder Übersinnlichen wissen sollten. Dass all das Wissen in die Hand von einigen wenigen gehört und teilweise auch, das andere Übersinnliche gar nicht in diese Welt gehören. Es begann mal damit, dass die Technokratie meinte, dass man sich als Magier nicht in einem Magierturm verstecken darf, sondern die Magie anwenden sollte, um die Leben der normalen Menschen zu verbessern. Das ist eine Einstellung, der ich jederzeit zustimmen würde.“ Sie hob kurz die Schultern. „Aber dabei blieb es dann nicht. Heute sind sie dafür bekannt, Übersinnliche zu fangen, Experimente mit ihnen zu machen oder sie zu töten, oder erst Experimente mit ihnen zu machen und sie dann zu töten. Begegnungen mit ihnen sind für Traditionsmagier nicht so gesund und sie sind auch mit dafür verantwortlich, dass sich viele Traditionsmagier erst recht in sichere Gebiete zurückgezogen haben, statt auf der Erde zu agieren.“

„Statt auf der Erde zu agieren? Sagtest du nicht gerade, dass es keine Aliens gibt?“

„Ja, Aliens. Das bedeutet nicht, dass wir auf die Erde beschränkt sind. Meine Tradition, die Society of Ether, hat beispielsweise eine Basis auf dem Mond. Auf der Rückseite des Mondes, um genau zu sein. Dann gibt es andere Ebenen. Ebenen, die zu dieser Welt gehören, die aber nicht so direkt zugänglich sind, sondern nur mit bestimmten Fähigkeiten oder, wenn man die richtigen Leute kennt. Ein Teil dieser Ebenen nennt man „Umbra“ und dort befinden sich einige der größeren Chantries. Nicht, dass ich dort leben wollen würde, ehrlichgesagt, da geht es nur noch um Magie, ums Lernen und … mir ist dann doch lieber, wenn ich hier auch etwas bewegen kann. Etwas für normale Menschen verbessern kann.

Aber das ist, glaube ich, erst mal nicht das, womit du dich groß belasten solltest. Die erste Entscheidung, die du treffen solltest, ist, was du jetzt als nächsten Schritt tun willst.“

„Was soll ich denn tun? Was kann ich denn tun? Ich bin noch keine 18. Welche Wahl habe ich schon?“ Marlin klang mutlos.

Arianas Stimme klang sanft. „Tatsächlich gäbe es auch Möglichkeiten, wenn du nicht erwacht wärst, aber ich weiss, die sind schwer zu finden, vor allem, wenn man auf sich selbst gestellt ist und nicht weiss, wo man anfangen soll, zu suchen. Aber nun, unter diesen Umständen. Ich, und die Leute, mit denen ich zusammen arbeite, sind sehr daran interessiert, frisch erwachte Magier zu schützen und ihnen zu helfen, einen geeigneten Lehrmeister zu finden.“

„Lehrmeister … das klingt ein bisschen wie im Abenteuerfilm. ‚Es gibt immer nur zwei, einen Meister und seinen Lehrling‘.“

Ariana schmunzelte schief. „Es ist ein bisschen wie im Abenteuerfilm. Ernsthaft. Die Traditionen sind manchmal ziemlich verstaubt. Die Organisationsweise erinnert in manchen Bereichen ans Mittelalter.“

„Und wie ist es dann so, mit einem Lehrmeister?“

Ariana sah ganz nach einem „Ähhhh …“ aus, dann sah sie verlegen nach unten und spielte mit ihrem Frühstücksmesser. „Ich fürchte, ich kann nicht wirklich viel darüber berichten. Es ist nicht so, dass ich nicht gewollt hätte … aber ich war gut 10 Jahre älter, als ein Magier beim Erwachen normalerweise … ich hatte ein Leben, dann war ich auch noch ständig unterwegs. Es hat sich einfach nie ergeben. Ich habe von unterschiedlichen Magiern aus verschiedenen Traditionen gelernt. Sie haben mir was gezeigt, wenn ich sie gefragt habe. Ansonsten habe ich aus Büchern gelernt und auch noch von anderen Übersinnlichen. Irgendwie war die richtige Zeit für ein traditionelle Ausbildung für mich einfach verstrichen.“

„Aber für mich nicht?“

Ariana schüttelte den Kopf. „Du bist im normalen Alter. Was du jetzt vor allem herausfinden müsstest, wäre, welche Art Magier du bist, also, welche Philosophie um die Magie herum, dir entspricht. Deiner Weltsicht, deinem Charakter. Dann können wir dir helfen, einen passenden Lehrer zu finden. Und damit meine ich Lehrer im weitesten Sinne, nicht im Sinne von ‚männlich‘. Es gibt jede Art Gender oder sexuelle Ausrichtung bei uns. Wir sind ja nicht die Suits, für die die Welt wohlgeordnet und schwarzweiss ist.“

Wahrscheinlich hatte diese Bemerkung mehr dafür getan, Marlin davon zu überzeugen, sich von der Technokratie eher fern zu halten, als alle Versicherungen, dass diese Gruppierung gefährlich war, zusammen. Ariana sah jedenfalls Marlins Kräuseln der Nase, dem ein Nicken folgte.

„Aber was ist dann mit meiner Schule? Und … meiner Mutter?“ fügte xies zögernd hinzu.

Young ballerina in black costume stretching to the ceiling

„Ich denke, wir würden einen Weg finden, deiner Mutter genau das zu erzählen, was sie hören will. Ja, das ist Täuschung.“ Ariana nickte, als sie Marlins Gesichtsausdruck sah. „Und nein, auch nicht unbedingt nett. Aber was ich gestern von deiner Mutter erlebt habe … ich muss gestehen, mir ist nicht unbedingt nach ’nett‘. Sie schadet dir. Sie arbeitet ihre Wut an dir ab. Das ist nicht, was ein Elternteil tun sollte. Und ich habe eine Menge Leute hinter mir, die das genauso sehen. Meine Chantry-Leiterin ist mehr als bereit, dir zu helfen, dort rauszukommen.

Skepsis – Dances with Danger

„Ich denke, wir würden einen Weg finden, deiner Mutter genau das zu erzählen, was sie hören will. Ja, das ist Täuschung.“ Ariana nickte, als sie Marlins Gesichtsausdruck sah. „Und nein, auch nicht unbedingt nett. Aber was ich gestern von deiner Mutter erlebt habe … ich muss gestehen, mir ist nicht unbedingt nach ’nett‘. Sie schadet dir. Sie arbeitet ihre Wut an dir ab. Das ist nicht, was ein Elternteil tun sollte. Und ich habe eine Menge Leute hinter mir, die das genauso sehen. Meine Chantry-Leiterin ist mehr als bereit, dir zu helfen, dort rauszukommen.

Du kannst zum Beispiel erst mal in meinem Heimatchantry unterkommen, bis du ein eigenes Chantry oder einen Lehrmeister gefunden hast. Oder vielleicht gefällt es dir bei uns und einer der sonstigen Bewohner passt auch von der Einstellung und Ausrichtung her und du bleibst sogar bei uns.

Und auch an der Westküste gibt es Schulen. In meinem Chantry ist man der Ansicht, dass es nicht gut für Magier ist, tagein tagaus nur mit Magie und Magiern zu tun zu haben. Das heisst, eigentlich nicht nur in meinem Chantry. Es ist nicht gut für Magier, nur mit anderen Magiern und Magie zu tun zu haben. Das kann sogar sehr ungesund werden. Daher würden wir dafür sorgen, dass du dort zur Schule gehen kannst und danach auch idealerweise auf ein College. Aber das ist noch gut zwei Jahre hin, oder?“

Marlin nickte.

„Für den Anfang könntest du jedenfalls dort zur Ruhe kommen, dich neu orientieren und vor allem auch weitere Magier noch kennenlernen. Auch junge Magier.“

Marlin drehte die Tasse in den Händen hin und her. „Das … klingt gut. Denke ich.“

Ariana nickte. Deutlich erleichtert. Einen frisch erwachten Magier zurück in ein Zuhause zu bringen, dass schon so nicht sicher war und zu dem auch schon die Technokratie gefunden hatte. Sie atmete unauffällig durch. Das mussten sie noch herausfinden. Was die Technokraten der Mutter erzählt hatten. Falls sich die Mutter überhaupt daran erinnerte. Aber mit diesen Gedanken wollte sie Marlin nicht belasten.  Vielleicht etwas, das auch Zyx durch den winzigen Grasnatterkopf geschossen war, denn sie klopfte erneut um Aufmerksamkeit heischend auf Arianas Handgelenk.

„Ja, Zyx?“ Ariana blickte zu ihr. „Oh. Du willst dein Drumset. In der Sonne?  Na gut, ich bringe es dir raus, sobald auch Marlin fertig gegessen hat.“

Marlin hatte erneut, mit schlackernden Ohren zugehört. „Äh. Ich bin fertig, denke ich.“

Ariana nickte. „Okay. Dann bringe ich dem kleinen, grünen Energiebündel sein Drumset nach draussen und danach bekommst du die große Tour …“ sie machte eine einladende Handbewegung in Richtung des Rests des Tiny Houses, „… und anschließend kannst du dich noch etwas schlafen legen?“

Marlin nickte.

„Dann auf.“


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