10 – Eremit

10 – Eremit


Vielleicht hatte das „Schutzgebet“ die richtige Adresse gefunden. Vielleicht standen die Sterne gut. Vielleicht war es aber auch ein Mittelding zwischen, seit bald zwei Jahren auf der Wunschliste der Suits zu stehen, die Wahlfamilie an sie verloren zu haben – zumindest wahrscheinlich – inzwischen ausreichend Erfahrung im Weglaufen gesammelt zu haben und der guten alten Technik.

Na gut, vielleicht nicht wirklich der ‚guten alten‘ Technik, sondern eher der Technik, die man Schläfer eher nicht sehen ließ. Technik, die sie gemeinsam mit einigen von der Society und ein paar Virtual Adepts von Grund auf überarbeitet und dabei leicht verbessert hatte. Leicht. Zumindest dem ersten Anschein nach. 

Dabei hatte durchaus auch ein bisschen von den Suits erbeutete Technik eine Rolle gespielt … auch wenn sie immensen Aufwand betrieben hatte, um sicherzustellen, dass dort keine Hinterlassenschaften tief im Code schlummerten, die ihnen im Endeffekt in den Hintern beissen würden.

Es war ein fieberhafter Monat gewesen. Ein Monat, in dem sie zwischen einer Matratze und einem klapperigen Tisch mit ihrem Laptop darauf hin- und hergewankt war, abgesehen von einer Stunde Ballettraining, alle zwei Tage, die sie auch mehr in Trance verbracht hatte, als das sie sich hätte aktiv daran erinnern können. Ein Monat, in dem sogar die Virtual Adepts, mit denen sie zusammenarbeitete, sich besorgte Blicke hinter ihrem Rücken zugeworfen hatten. Einen Monat, in dem sie vor allem eines versucht hatte – zu vergessen. In dem sie versucht hatte, trotz allem, trotz dem Verlust ihrer Wahlfamilie und ihres Partners weiterzumachen, statt dem Impuls nachzugeben und sich einfach nur noch in einem Loch zusammenzurollen und sich zu verstecken. Oder sich gleich den Suits zu stellen, damit es wenigstens vorbei war. Oder wieder in die Umbra zu rennen, im Versuch jeden Stein herumzudrehen, jedes Ritual nochmal auszuführen und doch nur wieder zu dem Ergebnis zu kommen, dass die vier, die vorher ihre ganze Welt dargestellt hatte, nun aus dieser wie ausradiert schienen. Ohne jede Spur. Weder in dieser Welt noch in der Geisterwelt. 

Statt dessen hatte sie sich, mit einer Gruppe Virtual Adepts, in die Arbeit geworfen. In die fast unmöglich erscheinende Arbeit, ein Navigationssystem zu erschaffen, dass sie den Suits einen Schritt voraus sein lassen würde. Das sogar in der Lage war, die Voraussage zu treffen, wo in den kommenden Tagen Straßen blockiert sein würden, das auch Schleichwege auswies, Wege, die nicht nach Wegen aussahen und Orte, die als temporäre Verstecke dienen konnten. Das auch Orte markierte, an denen die Suits aufgetaucht waren und versuchte zu berechnen, wo sie möglicherweise auftauchen könnten. Auch Marlins Heimatstädtchen trug nun das blutrote Symbol der Technokratie, das alle Traditionsmagier, die Zugriff auf das System bekommen hatten. einen Bogen um den Ort machen lassen würde.

Marlin war eine ganze Weile angespannt geblieben. Erst als sie über 50 Meilen vom ihrem Ausgangspunkt weg auf den Highway gefahren waren – zur Sicherheit erst einmal in die andere Richtung – hatte xies sich entspannen können, hatte den Sitz zurückgelehnt und war eingeschlafen. Zyx war wieder unter Marlins Shirt hervorgekrochen und hatte sich auf xies Schulter zusammengerollt. Ariana hatte der Grasnatter einen Blick zugeworfen und ihr dankend zugenickt. Ihr Einsatz war sehr hilfreich gewesen, wie immer. In dem kleinen, grünen und zahnlosen Körper steckte mehr Empathie als in so manchem Menschen. 

Als sie in Atlanta angekommen waren, stellte ließ Ariana ihren Pickup langsam ausrollen, statt spürbar abzubremsen, bevor sie die Handbremse anzog und den Wagen abstellte. Mit einer kurzen Berührung ihres Armreifs unterdrückte sie die Geräusche beim Aussteigen, um Marlin nicht zu wecken. Sie verschwand in ihrem Tiny House um dort schnell in robustere Kleidung zu wechseln und mit der Checkliste in der Hand routiniert das gesamte Haus für die Fahrt bereit zu machen.

Marlin wurde nur kurz wach, als der Pickup ruckelte, als Ariana die Deichsel ihres Hauses mit der Anhängerkupplung verband. Aber sie war noch nicht ganz bei sich, als Ariana auch schon wieder auf den Fahrersitz glitt und ihr zunickte. „Alles in Ordnung. Wir fahren noch ein bisschen, bis zu einem anderen Stellplatz. Zur Sicherheit. Schlaf ruhig weiter.“

Marlins Augen klappten direkt wieder zu und Ariana stellte sich – leise – einen Podcast an. 

Auch ein halbes Jahr später, war sie immer noch mehr den Nachtrhytmus gewohnt, als über Tag wach zu sein. So hatte sie keine Probleme mit Müdigkeit, während sie mit Marlin zusammen dem Sonnenaufgang entgegenfuhr.


Der Stellplatz, den Ariana ausgesucht hatte, war abgelegen im Wald. Ein Stückchen Land, das den Eltern eines ihrer Kontakte aus der Makerszene gehörte. Für ein paar Tage würden sie hier, zur Not stehen können. Aber mit den Suits so dicht hinter ihnen, hatte Ariana nur wenig interesse daran, sich länger auf einem Fleck aufzuhalten.

So brachte sie ihr Häuschen, auch nur in halbe Betriebesbereitschaft und ließ viele der Dekogegenstände und Lampen in die Decken eingewickelt flach auf dem Boden liegen, auf dem sie die Fahrt sicher verbracht hatten, bevor sie Marlin vorsichtig wecken ging. „Kaffee?“

Marlin streckte sich, gähnte und sah sich dann erst mal in der  Umgebung um. Viel Grün und eine kleine aber verrammelte Hütte. Daneben, nicht verrammelt, aber mit  davor zur Sonne aufgestellten Solarpanelen, ein hübsches Tiny House.

Ariana nickte in dessen Richtung. „Drinnen gibt es Frühstück und eine Dusche, wenn du willst. Wir haben Wasser von einem Außenanschluß hier und der Boiler ist gasbetrieben.  Wir müssen also nicht mit Wasser oder Energie haushalten.“

„Und hier sind wir …“

„… sicher, vorerst.“ Ariana nickte. „Jedenfalls genug, um darüber zu reden, wie es jetzt weitergehen kann, eventuell ein paar Telefonate zu führen und noch etwas zu schlafen.“

Marlin grabbelte aus dem Pickup und folgte Ariana die drei Stufen hinauf in das sicher aufgebockte Mini-Haus.

Erst nach ein paar Sekunden, begann sie hastig ihren Körper abzutasten.

„Wenn du Zyx suchst, sie ist hier.“ Ariana deutete auf die Küchenanrichte, wo eine Espressomaschine werkelte. Zyx befand sich davor. Halb zusammengeringelt, halb aufgerichtet und den Blick fest auf die Espressomaschine gerichtet.

„Setz dich doch.“ Ariana nickte zu einer gepolsterten Bank, die sich direkt im Eingangsbereich zwischen der Vorderwand und der Küchenanrichte befand. Ihr gegenüber an der anderen Seitenwand befand sich eine weitere Bank, zwischen Vorderwand und dem, was nach einem Kühlschrank aussah. Soweit man ihn unter der Kollektion nerdiger Kühlschrankmagnete noch ausmachen konnte. „Oder willst du lieber erst duschen?“

„Nein, etwas essen klingt gut. Ich … “ Marlin legte kurz die Hand auf den Magen, „…. Lunch in der Schule gestern war die letzte Mahlzeit, glaube ich.“

Ariana kräuselte die Nase und nickte. Als Marlin Platz genommen hatte, griff sie zur Decke über dem Eingang und löste dort einen Halterung. „Vorsicht“

Sie ließ eine Platte, deren vier Ecken mit vier Seilen befestigt waren, von dort herunter. „Wenn du kurz mal hinter dich greifst, da sind zwei Beine. Einfach an den Ecken unterklicken.“

Marlin blinzelte, als xies so quasi zwischen Wand und Tisch eingesperrt wurde, nickte dann aber und half bereitwillig mit.

Auf den – nun – stabilen Tisch räumte Ariana, was sie im Kühlschrank fand und bei einem kurzen Halt unterwegs noch aufgetrieben hatte. Frisches Brot, Käse, Würstchen, etwas frisches Gemüse und aus einer Pfanne auf dem Herd füllte sie Rührei in eine Schale und stellte es dazu.

Aus einer Schublade mit perfekt passenden Einsätzen, nahm sie einfaches Geschirr heraus, das anscheinend auf einem Flohmarkt oder Yard Sale erstanden worden war, und deckte den Tisch.

Marlin blinzelte aber irritiert, als Ariana zu den zwei großen Kaffeegedecken noch ein  winzigiges Set aus Tellerchen, Tasse und Untertasse dazu stellte, bevor sie unter dem Tisch hindurchschlüpfte und auf der Bank gegenüber Marlin Platz nahm.

Zyx schlängelte sich von der Küchenanrichte auf den Tisch und kroch direkt zu dem kleinen Gedeck, vor dem sie sich in anscheinend freudiger Erwartung wiegte.

Marlins Blick blieb auf der Szene, während Ariana einen winzigen Schluck Kaffee in die Mini-Tasse gab und mit einer Pipette noch einen Tropfen Milch hineinfallen ließ. Und als die Grasnatter sogleich einen genießerischen Schluck nahm.

Ariana griff zu einer Dose, angelte aus dieser zwei Mehlwürmer heraus, und legte sie auf Zyx Teller ab.

Die Grasnatter wandte den Kopf zu Ariana und sah sie an.

Ariana seufzte.

„Okay, okay.“ Sie schnitt eine Ecke von einer Brotscheibe ab, butterte sie und sah Zyx an. „Käse oder Rührei?“

Der Schwanz der Grasnatter beschrieb ein Zeichen in die Luft und Ariana nickte seufzend. „Gut, Käse und Rührei und Deko, ich habs ja verstanden.“

Kurz darauf lag auf Zyx Teller neben einem Eckchen Sandwich mit einem Gurkensternchen als Deko, ein kleines Häufchen Rührei und die zwei verschmähten Mehlwürmer.

Ariana sah, wie sich Marlin unter dem Tisch unauffällig in den Arm kniff und sie schmunzelte selbst in ihre Kaffeetasse hinein. Diese Wirkung hatte sie nicht zum ersten Mal auf Menschen, die sie gerade erst kennenlernten.


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