08 — Antagonist

„Eine RuhestörerIN,“ betonte ihr Gegenüber nachdrücklich und ihr Gesicht nahm einen Ausdruck an, den Ariana nur als ‚hochzufriedene Genugtuung‘ beschreiben konnte. Gut, das hatte sie nicht erwartet. Sie hatte, in ihren eigenen Jahren ‚im System‘ keine Familie kennengelernt, die sich über den Besuch des Jugendamtes gefreut hatte. Manche waren erleichtert gewesen, ja, aber auch dann war die Erleichterung meist gepaart mit Schuldbewusstsein oder Scham. Aber Genugtuung?

Sie verbarg ihren eigenen, eventuell wackelnden Gesichtsausdruck, in dem sie den Kopf leicht neigte. Dabei wackelte er nicht. Wenn sie über die letzten zwei Jahre etwas gelernt hatte – abgesehen von Magie – dann war es zu schauspielern.

„Dürfte ich eintreten. Oder möchten sie mir hier von dem Problem berichten und wie ich ihnen eventuell helfen kann?“  Über die Schulter der Frau hinweg sah sie Marlin im Türrahmen einer Tür zur Diele hin auftauchen. Wäre der xies Gesichtsausdruck nicht bereits bezeichnend gewesen, die wabernde Aura sagte Ariana wie es um xies Gefühlsleben stand und dass nicht mehr viel fehlte, um hier ein riesiges Problem zu schaffen, das sie alleine, ohne Hilfe, nicht mehr würde verdecken können. Schon gar nicht, in einem solch dicht besiedelten Gebiet. 

Immerhin, als Marlin Ariana erkannte, hielt xies einen Moment inne und die sich aufbauende Wut nahm für einen Moment sogar wieder etwas ab. Und sei es nur, weil xies verwirrt war.

Ariana wartet daher eine Antwort von Marlins Mutter überhaupt nicht ab, die Arianas Blick bemerkt hatte und nun auch ihrem Kind einen triumphierenden, siegesgewissen Blick zuwarf.

„Wie wäre es, wenn ich für etwas Entspannung sorge?“ Arianas Stimme nahm einen verschlagenen Unterton an. „Sagen wir … ein bis zwei Tage Jugendarrest haben bisher fast immer Wunder bewirkt.“

„Ja, ich habe ihr immer gesagt, dass es soweit kommen würde, wenn sie sich nicht ordentlich benimmt und sich ihrer Mutter gegenüber dankbar zeigt, statt herumzulügen und zu behaupten, ich hätte ihre Sachen weggeworfen.“

Marlins Mutter blickte immer noch zu Marlin, deren Wut gerade spürbar wieder anstieg, daher konnte sie nicht sehen, wie Arianas Augen für einen Moment kleiner wurden. Ihre Stimme klang munter, fast eifrig, als sie der Mutter antwortet.

„Oh, so eine also. Ja, das kommt leider immer wieder mal vor. Vielleicht sollten sie über eine ausgedehnte Erziehungsmaßnahme nachdenken. Ich kann ihnen gerne Broschüren zusenden.“ Ihr eisiges Lächeln, wackelte nicht, während sie von der Mutter zu Marlin sah und versuchte xies mit dem Blick die Botschaft zukommen zu lassen, durchzuhalten.

„Darüber haben wir schon oft gesprochen, ja.“ Die Mutter klang nachgerade begeistert. „Jetzt wäre es wirklich endlich an der Zeit.“

Ariana nickte, scheinbar verständnisvoll.

„Heute Nacht werde ich ihnen aber die Last erst einmal temporär von den Schultern nehmen. Über den Rest können sie sich dann in Ruhe klar werden. Eine solche Entscheidung bricht man natürlich nicht über das Knie.“

„Ich denke nicht … “ Die Mutter brach ab.

Ariana hatte deutlich den Eindruck, dass sie nicht zu begierig wirken wollte, Marlin los zu werden. Aber sie hatte auch den Eindruck, dass sie Marlin eigentlich nicht loswerden wollte in dem Sinne. Nein, sie wollte sie terrorisieren.

Und ihr lief die Zeit davon.

„Dürfte ich eintreten, damit ich beim Packen helfen und zusehen kann, dass keine nicht zugelassenen Gegenstände mitgebracht werden?“

„Sicherlich, sicherlich.“ Sie trat zur Seite und ließ Ariana passieren.

„Können sie mir bitte schon die Unterlagen zusammensuchen, damit ich sie gleich mitnehmen kann?“ Ariana trat ein und wandte sich noch einmal an die Mutter. „Sie wissen, Impfpass, Verhaltensbericht der Schule, die Arztunterlagen und so weiter. Wenn ich ohne die Sachen ankomme, wird die Jugendarresteinrichtung uns direkt wieder zurückschicken und es verzögert sich um ein paar Tage oder noch länger … wenn nicht vorher einer dieser liberalen Richter auf die absurde Idee kommt, dass es gar nicht nötig wäre.“

„Natürlich, ich suche ihnen alles zusammen.“ Die Frau wandte sich ab um im Wohnzimmer zu verschwinden. Nicht ohne Marlin nochmal einen Blick voller Triumph zuzuwerfen.

Kaum war sie durch die Tür verschwunden, trat Ariana an Marlin heran und schob xies resolut dorthin, wo nach einem typischen Layout dieser kleinen Landhäuschen vermutlich das Kinderzimmer war.

„Schnell. Wie haben nur ein paar Minuten.“

Marlin lies sich, nach dem ersten Schreck, schieben und kurz darauf erreichten sie eine halboffene Tür, die sie in ein ungewöhnlich ordentliches Jugendzimmer führte.

Ariana manövrierte sie beide dort hinein und schloss die Tür hinter sich. Sie lehnte sich mit dem Rücken dagegen und riss auch ihren Zauberstab unter ihrer Bluse heraus, während sie auch ihren Armreifen berührte. Sie hatte gerade so eben einen Schutzschirm als Glocke um sie herum hochgezogen, als Marlin auf die Knie sackte und sich zum ersten Mal pure Magie ihren Weg bahnte.  

Energieentladungen schlugen farbenfroh gegen die Kuppel und ein paar Schuhe, das auf dem Boden innerhalb des Schutzkreises gelegen hatte, wurde erfasst und wie von einem Tornado herumgewirbelt.

Außerhalb der Kugel … hörte man nichts bis auf Arianas strenge Stimme, die Marlin anscheinend diktierte, was sie einpacken durfte, was nicht, und was sie für eine unerfreuliche Zeit im Jugendarrest zu erwarten hatte.

Ariana selbst hatte um sich herum einen zweiten, schwächeren Schutz gezogen und sie verdrehte jedes Mal die Augen, wenn das Paar Turnschuhe auf seiner Runde im Schutzkreis herum gegen ihren Schild klatschte.

Am liebsten hätte sie Marlin eine Hand auf die Schulter gelegt, aber sich in den Wirbel aus wild umherschlagender Energie zu stellen, wäre ungefähr so klug, wie sich während eines Hurrikans im Freien aufzuhalten. Statt dessen umklammerte sie lieber ihren Synapsenanhänger fest und schickte Gefühlseindrücke nach außen, dass es jetzt noch nicht der richtige Moment war, sich dem Zimmer zu nähern und noch irgendein wichtiges Dokument fehlte.

Das Schicksal, oder was auch immer, schien heute auf ihrer Seite zu sein. Die umherschlagenden Kräfte verebbten und Marlin blieb schwer atmend auf dem Boden kniend zurück. Ariana ließ die Schilde so schnell fallen, als wären sie eine heiße Kartoffel und sie trat an Marlin heran um xies ins Ohr zu flüstern.

„Nimm jetzt all deine Kraft zusammen. Du kannst dich im Auto ausruhen.“

Es brauchte noch ein paar Augenblicke, dann konnte Marlin sich, mit Arianas Hilfe, wieder auf die Füße stellen. „Pack schnell die Sachen zusammen, die dir wichtig sind. Alles andere können wir besorgen. Und leg noch einen Jogginganzug über alles drüber.

Viel war es anscheinend nicht, das in eine Sporttasche wanderte, so dass sie ganz dankbar war, jetzt nicht noch eine optische Illusion über die Tasche legen zu müssen.

„Versuch niedergeschlagen auszusehen.“ Ariana schüttelte den Kopf. Den Spruch hätte sie sich sparen können. Marlin sah aus, als würde sie jeden Moment zusammenklappen. Niemand auf dieser Welt, würde im Moment darauf tippen, dass sie gar nicht so unglücklich darüber sein könnte, von hier wegzukommen.

Ariana drehte sich zur Tür um und bemühte sich um ein gewinnendes, verschwörerisches Lächeln, als die Mutter eintrat. „Hier, sind das alle Unterlagen, die sie brauchen?“

Ariana lies sich Zeit mit dem Durchsehen, um jetzt, auf den letzten Metern, nicht noch aufzufallen. „Ja, das ist das Wichtigste. Wenn jetzt noch etwas fehlen sollte, können sie das nachreichen. Aber es ist alles da, was sie für den Arrest brauchen. Lediglich für dessen Überprüfung durch einen Jugendrichter könnten Unterlagen nachgefordert werden.

Oh, was sie noch wissen sollten … im Kurzzeitarrest ist kein Besuch möglich.“

„Natürlich, das ist kein Problem. Kann ich noch etwas für sie tun?“

„Ja, bitte. Schreiben sie mir doch einen möglichst detaillierten Bericht, damit wir die anschließenden Erziehungsmaßnahmen auch gut begründen können.  Lassen sie einfach nichts aus. Sie wissen ja; damit wir diese liberalen Richter überzeugen können.“

„Bis wann brauchen sie es?“

„Übermorgen,“ entschied Ariana. „Entweder ich oder einer meiner Kollegen wird es bei ihnen abholen.“ Damit war die Frau hoffentlich beschäftigt und würde nicht allzu sehr über diese Nacht und die Fehler die Ariana in ihrer Darstellung gemacht haben mochte, nachzudenken. Oder darüber, warum ihr Kind so erstaunlich wenig Gegenwehr oder Aufbegehren zeigte.

Bange weitere fünf Minuten dauerte die Verabschiedung, inklusive der Worte der Mutter an Marlin, die treffen sollten und wohl auch getroffen hätten. Wäre Marlin gerade nicht erschöpft genug gewesen, um in jedem Moment im Stehen einzuschlafen.

Ariana quittierte den Anblick lediglich mit einem Lächeln und einem, „Naja, einen Drogentest machen wir dann am Besten auch noch. Am Besten mit Blutabnahme, um genaue Werte zu haben.“

Dann hatten sie sich endlich verabschiedet und entfernten sich vom Haus.

Ariana fasste Marlin leicht unter den Arm, um etwas Stütze anzubieten, während sie den Weg zurück zu ihrem Truck einschlug. Vom Haus aus, musste es so wirken, als wolle sie ganz sicher gehen, dass Marlin nicht die Chance nutzen und abhauen würde.

Als sie gerade so aus dem Sichtbereich waren, gönnte Ariana der Mutter das Geräusch einer zuklappenden Kleinwagentür und kurz darauf einem zweiteren Zuklappen, gefolgt von einem sich entfernenden Motorgeräusch, damit die Mutter nicht merkte, das Arianas Gefährt tatsächlich noch weiter entfernt stand und die „Jugendamtsmitarbeiterin“ eine ziemliche Strecke zu Fuß zurück gelegt hatte.

Aber erst als sie den Pick Up tatsächlich erreicht hatten und sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten, atmete sie auf und etwas von der Anspannung fiel von ihr ab.

„Denkst du, sie hat es wirklich geschluckt?“

Marlin sank auf dem noblen Leder-Beifahrersitz zusammen. „Es ist, was ihr in den Kram gepasst hat. Also hat sie sich wohl keine Gedanken gemacht. Denke ich.“

Ariana nickte. „Sie war an deinen Sachen?“

Marlin nickte. „Sie hat sie weggeworfen. Unter anderem die Notizen für ein Biologieprojekt, das am Montag fällig ist und von dem die Hälfte meiner Note abhängt. Und hat dann behauptet, ich müsse es wohl selbst weggeworfen haben.“


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01 — Katharsis

Young beautiful dancer jumping into blue powder cloud

Sie betrat das Tanzstudio, dessen Raum sie für die kommende Stunde gemietet hatte und schloß die Tür mit einem leisen Klicken hinter sich. Kurz blieb sie dort stehen, lehnte die Stirn an die geschlossene Tür, bevor sie durch den Raum zu der Bank an der Querseite schritt. Sie ließ ihre Tasche auf die Bank gleiten und nahm daneben Platz  um aus ihren Schuhen heraus und in die Spitzenschuhe hineinzuschlüpfen.

Ohne es wirklich zu bemerken, vermied sie es, in die großen Spiegel der Längsseite zu sehen. Statt dessen fiel ihr dunkles Haar wie ein Vorhang, oder wie Scheuklappen, um sie herum, während sie langsam, sorgfältig, eines der Satinbänder nach dem anderen um ihre Fußgelenke schlang. Kurz stellte sie jeden Fuß auf, um den Sitz der Schuhe zu überprüfen, bevor sie zu ihrem Smartphone griff, und die in der Wand versteckten Bluetooth-Lautsprecher ansteuerte.

Sie hatte die Playlist sorgfältig im Vorfeld zusammengestellt. Jedes Stück genau in der richtigen Länge für die einzelnen Übungen. Nur nicht mit den Gedanken abschweifen und das Warmmachen schleifen lassen. Sie mochte viel überleben können, aber Muskelfaser- oder Sehnenrisse waren doch schmerzhaft. Und der Heiler war …

Sie brach den Gedankengang ab.

Anmutig konnte man ihre Bewegungen noch nicht nennen, nach den wenigen Monaten Training. Sie hatte zu spät mit dem Training angefangen … viel zu alt. Sie war keine Ballerina, würde nie eine sein, egal wie viel Zeit ihr Trainer in sie steckte. 

Aber das bedeutete nicht, dass sie nicht tanzen konnte. Oder wollte. 

Während hinter ihr die Klaviermusik aus den Lautsprechern plätscherte, führte sie methodisch – und irgendwie auch mechanisch – die Übungen an der Stange aus. Normalerweise würde sie ihre Haltung im Spiegel kontrollieren. Korrigieren. Heute hielt sie den Blick abgewendet und ging gerade nicht so weit, den Spiegel temporär zumindest, in eine stumpfe Fläche zu verwandeln. Es konnte jederzeit jemand hereinkommen, obwohl sie eine Stunde gewählt hatte, zu der sie sehr wahrscheinlich alleine in der gesamten Tanzschule sein würde. Abgesehen von ihrem Kontakt, der sie hereingelassen hatte und später wieder hinauslassen würde. Aber man wusste nie und wenn sie gerade etwas nicht noch zusätzlich nötig hatte, dann war das Paradox.

Etwa 100 unterschiedlicher Pliées und Dehnübungen später, endete das Klaviergeklimper und in der Playlist entstand eine kurze, voreingestellte Pause. Noch ein Tastenanschlag mehr und das nächste Klavier, das ihr begegnet wäre, hätte möglicherweise einen kurzen und feurigen Tod erhalten.

Mit einem halben Dutzend schneller Schritte, war sie in der Mitte des Raums. Und als die erste Note des harten Rocksongs aus den Lautsprechern dröhnte, begann sie zu tanzen. 

Nur wenige Takte in die Musik setzte sie zum ersten Tour jeté an, dann folgte Sprung auf Sprung, im harten Rhytmus der schnellen Passagen.

Eine Kombination, die auch für eine durchtrainierte, professionelle Tänzerin an die Grenzen der Kondition gehen würde. Bei ihr aber wurde jeder Sprung höher, gewagter, die Drehungen schneller.
Sie brauchte es gerade, ihren Körper zu spüren, an dessen Grenzen zu gehen und darüber hinaus.

Ihr langes, offenes Haar wirbelte um sie, verdeckte ihr nicht selten die Sicht, wenn sie überhaupt Wert darauf gelegt hätte, zu sehen wohin sie sich bewegte.

Nur einmal streifte sie ihr eigenes Bild flüchtig mit dem Blick im Spiegel. Die Wangenknochen, die stärker hervortraten. Die härtere Kinnlinie. Die Schatten unter ihren Augen.

Gleich wurde ihr Gesicht von anderen Gesichtern verdrängt. Ihrem Verlobten … verschwunden. Vermisst. Vermutlich tot.

Grand jeté.

Ihre Wahlfamilie. Verschwunden. Vermisst. Vermutlich tot.

Brisé. Pirouette.

Nicht einmal sie hatte, mit all ihren Fähigkeiten, etwas herausfinden könnten. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte der Erdboden sie nicht einmal gekannt.

Ein weitere Sprung ging in den nächsten über. Halsbrecherisch oder eher knochenbrecherisch bei ihrem Ausbildungsstand. Doch sie lehnte sich nur mehr in die Sprünge hinein, spürte die Kräfte, die Fliehkräfte wirken, während sie einen kleinen Zauber hineinfließen ließ, die Sprünge noch etwas extatischer machte.

Nur wenig. Es konnte immer noch jemand reinkommen. Jemand durch die Fenster knapp unter der Decke hineinspähen, so unwahrscheinlich das auch war.

Das Lied ging in das nächste, ähnlich schnelle, ähnlich harte Lied über und das nächste. Als der letzte Ton des letzten Liedes verklang, führte der letzte Sprung sie in eine kniende Position.  Hier verharrte sie, den Kopf gesenkt, das Haar sie umgebend, wie einen Schleier, während sich ihr Atem nur langsam beruhigte.

Im Moment hätte sie gar nicht aufstehen können, selbst wenn sie wollte. Ihre Knie hätten zu sehr gewackelt.

Sie blieb dort, an der Stelle, bis es leise klopfte und ihr Kontakt den Kopf hereinstreckte. „Ich muss demnächst abschließen, Miss und sie wollen sicher noch duschen.“

Ariana schüttelte den Kopf, ohne aufzusehen. „Ich dusche zuhause. Es ist nicht weit. Ich bin in zehn Minuten am Eingang.“

„Danke, Miss,“ die Tür schloß sich wieder.

Sie erhob sich. Eher ungraziös. Der mächtige Muskelkater, den sie am nächsten Tag haben würde, kündigte sich bereits an. Aber es war ihr gleich. Nein. Falsch. Sie würde ihn begrüßen.

Schmerz. Er passte zu ihrem Leben. Nicht erst seit gestern, aber besonders in dieser Zeit.

Sie ließ sich auf der Bank nieder um die Bänder der Spitzenschuhe aufzuschnüren. Während sie die Schuhe abstreifte, klingelte ihr Telefon. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die angezeigte Nummer, um dann sofort abzunehmen.

Ihr Chantry. Aber nicht die zentrale Nummer, sondern das ‚rote‘ Telefon.

Statt einer Telefonverbindung baute sich eine Videokonferenz auf und Ariana blickte in ein knautschig-faltiges, gutmütiges Gesicht, das sie ernst anblickte.

„Was gibt es?“ fragte sie ohne Smalltalk.

„Das Medium im Dienst hat einen neuen Erwachenden gefunden. Er ist in akuter Gefahr.“

Sie presste die Lippen zusammen und nickte.  Dann konnte sie ein leises Seufzen aber auch nicht unterdrücken. „Bleibt mir Zeit für eine Dusche?“

„Besser nicht, antwortete die Frau auf der anderen Seite. „Es sind 100 Meilen nordöstlich deiner Position. Ich schicken dir alle weiteren Daten aufs Smartphone. Sofern du nicht noch Verbündete in der Gegend hast, können wir dir gerade niemanden schicken. Du bist auf dich alleine gestellt. Es tut mir leid.“

Ariana nickte. „Zehn Minuten, dann bin ich unterwegs. Wünsch mir Glück.“

Die Frau auf der Gegenseite hob einen Mundwinkel. „Was sagen wir zum Gott des Todes?“

„Nicht heute.“ Ariana legte auf und warf das Gerät in ihre Tasche, zusammen mit den Schuhen.

Zehn Minuten später rauschte ein weißer Ford Pick-Up über die Ausfallstraße in nordöstliche Richtung.

Sie war auf dem Weg.


02 — Odyssee

Ballerina dancing in pointe shoes

Vage. So vage.

Es war eine Idee gewesen, Übersinnliche mit medialen Fähigkeiten anzuheuern, um dem gegenzusteuern, dass immer mehr  Erwachende dies außerhalb der Strukturen taten, die sich unter Magiern, Garou oder auch den Changelings ausgebildet hatten. Den Suits einen Schritt voraus sein. 

Aber abgesehen davon, dass nicht gerade viele Medien Schlange standen, um Freiwilligenarbeit für sie zu leisten, war diese Arbeit auch auf eine Art anstrengend, die Ariana erst nachvollziehen konnte, seit sie selbst ein paar Mal als … Kanal …für Entitäten von der anderne Seite gedient hatte. 

Es war nicht so, dass ihre Hilfe der medial Begabten nicht nützlich war. Im Gegenteil. Sie war  unersetzlich. Aber sie war auch extrem anfällig, störanfällig, und oft extrem vage. 

Und jetzt hatte sie auch noch das Navi in ein weiteres, totes Ende geführt. 

Ariana fluchte leise und rammte die Automatic des Ford Heavy Duty Pickups in den Rückwärtsgang. Neben ihr in der Schale, die auf die Mittelkonsole aufgesetzt war, regte sich etwas und Zyx, die kleine Grasnatter blickte missmutig züngelnd von ihrem Wärmestein auf. 

Nach einem Moment wirkte sie resigniert – wenn Grasnattern resigniert schauen konnten und sie streckte sich von dem Wärmestein, hin zu Arianas Arm. Erst wand sich sich um den Arm herum, dann schlüpfte sie unter den Armel und wand sich den Arm hinauf, bis sie sich wie eine dekorative Torque um Arianas legte. Dem wohl einzigen Platz im Wagen, der von der eher ruppigen Fahrweise der Magierin gerade nicht durchgeschüttelt wurde, weil sie automatisch mit ihrem Körper ausglich. 

„C’mon …“ fluchte sie leise in Richtung des Navis. „… es muss doch einen Weg auf diese Anhöhe geben, der nicht im Nirgendwo endet.“

Tatsächlich berechnete das System just in diesem Moment die Strecke neu und zeigte eine beruhigende grüne Linie, die grob in die Richtung führte, das Medium genannt hatte. Das die wenigen Bilder, die es empfangen hatte, noch mit ‚vermutlich weiter oben‘ garniert hatte. 

„Wenn es wenigstens eine Monty Python Wegbeschreibung wäre, dann wäre es wenigstens witzig,“ murmelte Ariana und brachte das Auto, sie selbst und damit auch die Grasnatter um ihren Hals auf den neuen Weg. Aber nicht nur, dass die Wegbeschreibung vage geblieben war, sie wusste nicht einmal, mit was für einer Art von Erwachendem sie es zu tun haben würde. Einem Magier? Einem Garou? Einem Changeling? Wohl keinen Changeling. Diese hatten irgendwie besser Chancen, die ihren auch über Entfernung zu erkennen, als sie die Magier. Auch die Garou hatten nicht ganz so viel Pech mit Lost Cubs, wie sie es anscheinend hatten, mit Erwachenden die … irgendwo verschwanden … 

Aber nicht heute. NIcht, wenn sie es verhindern konnte. 

Alles was sie im Moment brauchte, war ein Platz. Am Besten etwas erhöht, und nicht auf den ersten Blick von weither einsehbar. Mit zumindest ein bisschen Platz und ein bisschen Schutz, dass sie ein Ritual machen konnte. Alleine, zum ersten Mal seit … seit sie erwacht war? Überhaupt? Ein bitterer Geschmack sammelte sich in ihrem Mund. Aber jetzt war nicht der Moment, zusammenzubrechen und sich in ein Häufchen Elend aufzulösen. 

Jemand brauchte ihre Hilfe und das war genug.