05 – Dyade

05 – Dyade


Arianas Gegenüber zögerte. Natürlich.

Jeder Mensch mit Verstand würde zögern, wenn er mitten in der Nacht auf offener Straße von einer sichtlich Ortsfremden in einem fetten und ziemlich neuen Pick-up-Truck angesprochen werden würde. Einer Fremden, die zwar zierlich aussah, aber wer wusste schon, wer sich in diesem Pick-Up noch versteckte und ob sie vielleicht sich gerade nur zeigte, um das zukünftige Opfer in Sicherheit zu wiegen.

Ariana sah verständnisvoll aus. Auf der anderen Seite hatte sie aber auch ein ungutes Gefühl, so mit dem Teenager auf der Straße.

„Wenn ich darauf auswäre, dich zu entführen und sich böse Männer im Fußraum verstecken würden, um dich zu packen … das hätte längst stattfinden können. Ich kenne diese Art Käffer hier. Nicht mehr klein genug, für eine Ortsgemeinschaft, über die einzelnen Kirchengemeinden hinaus. Gerade so groß, dass kaum einer einen Finger rühren würde, würde er etwas merkwürdiges mitbekommen. Außer die Vorhänge schnell fester zuzuziehen. Ich will nur mit dir reden.

„Ich werde zu Hause erwartet.“

Ariana lächelte schief. „Dann wahrscheinlich schon seit einigen Stunden und dann wäre auch schon eine Polizeistreife auf der Suche nach dir.“ Sie schüttelte den Kopf. „Von jemandem, der sich auch so lange wie möglich draussen rumgedrückt hat, zu jemandem, der sich so lange wie möglich draussen rumdrückt … Ich werde dich, in der Sekunde, in der du das willst, nach Hause bringen. Oder zur nächsten Straßenecke, wenn du Nachfragen vermeiden willst.

Der Teenager sah sie einen Moment durch das offene Fenster an. Dann ergriff er den Türöffner, der Hintertür und spähte einen Moment auf die zweite Sitzbank und deren Fußraum. Dann wurde die Tür wieder geschlossen, die Beifahrertür geöffnet und Arianas wahrscheinliche Zielperson kletterte hinein.

Ariana atmete auf, als das Gefühl der Dringlichkeit etwas abnahm.

Bevor sich ihr Gast auf den Beifahrersitz fallen ließ, hob er die dort liegenden Spitzenschuhe auf und hielt sie Ariana fragend hin. Die hatte sie dort deponiert, als sie unterwegs die Kleider gewechselt hatte. Nun nahm sie sie entgegen, nickte einmal und ließ sie dann in den Fußraum hinter dem Fahrersitz fallen. „Danke.“

Ihr, vermutlich, Schützling schloss die Beifahrertür und schnallte sich, ohne darum gebeten zu werden, an.

„Ich hab auf der Fahrt hierher einen schönen Platz mit Aussicht entdeckt. Wäre der okay?“

„Ja, klar.“ Ihr Beifahrer nickte.

Araiana nickte somit auch und startete den Pick-Up, um den Weg zurückzufahren, den sie gekommen war. Nur diesmal deutlich zivilisierter.

„Ich bin Ariana. Ariana Austen.“  Sie sah aus den Augenwinkeln zum Beifahrersitz. „Pronomen: Sie/ihr.“

Sie wurde groß von der Seite angeschaut.

Für einen Moment fiel sie in den Western-Cowboy-Akzent ihrer Heimat in Wyoming, den sie sich seit der Highschool mit so viel Mühe abtrainiert hatte. „Nur weil ich mich ein bisschen mit Käffern auskenne, heißt es nicht, dass ich dort geblieben bin. Ich war auf Bryn Mawr.“

Der Name brachte nur noch mehr Fragezeichen auf das Gesicht ihres Gastes.

„Ein … College.“ Sie hatte sich zu sehr daran gewohnt, unter ‚Ihresgleichen‘ zu sein. Unter Menschen, die ihr College und ihre Abschlüsse vor sich hertrugen, wie ein Dackelzüchter den Stammbaum seines Preisrüden. „Eines der letzten alten Frauencolleges. Ziemlich offen. Aufgeschlossen.“

„Frauencollege,“ kam die eher neutrale Antwort.

„Ja, aber es sind auch Transsexuelle immatrikuliert, Transgender, Nichtbinäre. Sogar hin und wieder ein Mann.“

„Aha.“ Ihr Gast nickte.

„Und wie heißt du? Falls ich es wissen darf.“

„Hast du nicht gerade gesagt, du bist wegen mir hier?“

Ariana nickte wieder. „Ja, aber das heißt nicht, das ich weiß, wer du bist. Lange Geschichte, aber ich erkläre dir alles.“

Nun war ihr Gast daran, zu nicken. „Marlin. Xier/xies. Und Austen? Verwandt oder verschwägert?“

„Weder noch.“ Ariana warf einen kurzen Seitenblick zu xies Beifahrer. „Es ist nicht der Name, mit dem ich geboren wurde. Und die Staatsanwältin, die meine Namensänderung einleitete, war anscheinend ein großer Jane Austen Fan.“ Sie schmunzelte schief. 

„Aha.“ Der Blick xiers Beifahrers lag weiterhin auf ihr, aber erst mal kamen keine weiteren Fragen.

Ariana packte dann nach nicht allzu langer Zeit auf der Anhöhe mit der guten Aussicht ein und stellte den Motor ab.

Dann atmete sie durch.  „Gut. Das war bisher sicher sehr seltsam und ich kann leider nicht sagen, dass es jetzt weniger seltsam ist. Aber darf ich erst mal eine Frage stellen? Was ist der Grund, das du nicht so heiß drauf warst, nach Hause zu gehen?“


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